Stand: 02.05.2020
#1 Folge – Teil 1: Monas Monatsrückblick April 2020
Hallo, ich begrüße euch zur ersten Folge von Monas Monatsrückblick. In dieser ersten Folge schaue ich auf den Monat April 2020 zurück. Allerdings habe ich mich entschieden in mehreren Teilen auf den Monat zurück zu blicken. Denn es gibt in diesen Tagen so Vieles worüber ich mir Gedanken mache und um den Überblick zu behalten, habe ich entschieden die Themen auf vier Episoden aufzuteilen. In dieser ersten Episode erwartet euch ein Blick auf Covid-19 und die #StayAtHome Politik mit einem Fokus auf Rassismus. Alle verwendeten Quellen und den Text zum Nachlesen könnt ihr auf dem Blog monasmonat.noblogs.org finden.
Was mir auffällt, wenn ich einen Blick in die New York Times werfe, ist dass bspw. im Bundesstaat Illinois 43 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen bzw. 28% die positiv auf das Virus getestet wurden African-Americans sind. Aber nur 15% der Bevölkerung in Illinois ausmachen. Auch in Michigan ist das Missverhältnis zwischen Betroffenen und Anteil an der Bevölkerung groß. Hier sind 40% der Verstobenen Schwarze Menschen, obwohl sie nur 14 % der Bevölkerung ausmachen. Am krassesten sind wohl die Zahlen aus Louisiana, wo 70% der Verstorbenen Schwarze Menschen sind, obwohl nur ein Drittel der dort lebenden Menschen Schwarz sind. Wie Latinix und Idigene betroffen sind, weiß ich nicht. Freue mich aber, wenn ihr mir Zahlen an die Mailadresse mona@anche.no schicken wollt.
Wie sieht es in Deutschland aus? Wie im allgemeinen vielen Menschen bekannt ist, die sich schon eine Weile mit der kritischen Reflexion von Weißsein und Anti-Schwarzem Rassismus in Deutschland beschäftigen, wird es schwierig hier überhaupt Zahlen zu finden. Zu diesem Thema, dem #Afrozensus, gab es aber am 23.04. ein Interview mit dem Vorstandsmitglied Daniel Gyamerah vom Verein Each One Teach One und zwar in der taz. Und ich zitiere hier die Eingangsfrage und Antwort des Interviews. Und zwar fragt Dinah Riese: „Herr Gyamerah, Sie wollen Deutschlands ersten Afrozensus durchführen. Was genau ist das?“
Und er antwortet: „In Deutschland leben über eine Million Menschen afrikanischer Herkunft. Das ist aber auch schon eine der ganz wenigen statistischen Angaben, die wir über diese Gruppe machen können. Sie steht bisher weder im Fokus der Wissenschaft noch der Politik. Das führt dazu, dass die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen in Deutschland oft einfach nicht gesehen werden. Das wollen wir ändern, indem wir zum ersten Mal so viele Schwarze Menschen wie möglich befragen. Wir wollen mehr erfahren über das Leben und die Diskriminierungserfahrungen der afrodiasporischen Gemeinschaften, aber auch darüber, in welchen Jobs die Leute arbeiten, welchen gesellschaftlichen Beitrag sie leisten, was sie sich wünschen.“ Zitat Ende.
Weiter geht es in dem Interview dann um die Frage, warum Schwarze Menschen bisher nicht genug in Statistiken in Deutschland vorkommen. Und da thematisiert Daniel Gyamerah den Begriff des „Migrationshintergrundes“. Das Problematische an dem Begriff bzw. der sozialen Kategorie ist, dass und jetzt kommt nochmal ein Zitat von Daniel Gyamerah: „Einen Migrationshintergrund hat man unter anderem, wenn man selbst oder mindestens ein Elternteil einen ausländischen Pass hat. Also auch eine weiße Person mit zwei weißen Eltern, wenn eine*r davon zum Beispiel aus Schweden kommt. Diese Person macht in ihrem Alltag aber keine Rassismuserfahrungen. Hier leben aber auch Schwarze Menschen, die in der vierten oder fünften Generation in Deutschland sind. Die haben keinen Migrationshintergrund – sind aber von rassistischer Diskriminierung betroffen. Statistisch fallen sie durchs Raster und werden von der Politik nicht beachtet.“ Zitat Ende.
Dann möchte ich noch darauf eingehen, dass es sich um eine Erhebung von der Community für die Community handelt. Wodurch die Daten in den Händen der Community bleiben und die Sorge vor Missbrauch genommen werden soll. Wer an der Umfrage teilnehmen möchte, kann dies unter afrozensus.de machen. Die Umfrage läuft im Mai und Juni. In der es auch Erfahrungen von Schwarzen Menschen im deutschen Gesundheitssystem gehen wird. Die Auswertung soll es dann am Ende diesen Jahres geben.
So jetzt gibt’s ne kurze Pause und danach spreche ich über den Bericht der Europäischen Agentur für Grundrechte, der uns auch Infos über rassistische Diskriminierungserfahrungen in den letzten Wochen während Covid-19 in Europa benennt.
hier kurz Jens Spahn vom 29.01. (20sekunden): „Wir sind wachsam..“
Das war Gesundheitsminister Jens Spahn am 29. Januar 2020. Bis die Bundesregierung einen Covid-19 Krisenstab ins Leben gerufen hatte, sind dann nochmal ca. vier Wochen vergangen. Auf EU-Ebene hat es bis zum 17. März gedauert, bis ein Covid-19 „Expertengremium“ eingefürht wurde.
Die ersten Maßnahmen, wie die Absage von großen Versammlungen kamen dann ab dem 10.März in Deutschland und seit dem leben wir mit Kontaktsperren und zunehmend mit Mundschutz.
Die gesamte Chronik der Maßnahmen gibt übrigens das Bundesgesundheitsministerium raus.
Und jetzt zu den Auswirkungen auf die verschiedenen Menschenrechte. Hilfreicherweise hat die Europäische Agentur für Menschenrechte (FRA – Fundamental Rights Agency) schnell damit begonnen, die verschiedenen Auswirkungen zu dokumentieren. Bereits Anfang April gab sie ihren ersten Bericht „Coronavirus Pandemic in the EU“ raus und kündigt weitere Berichte an. Alle Maßnahmen zwischen dem 01. Februar und 20. März wurden hier versucht zu berücksichtigen. Es ist ein ca. 40 Seiten langer Bericht, der zunächst hervor hebt, dass der Schutz von Leben ein zentrales Menschenrecht ist . Und daher gerechtfertigt ist, dass es (zeitweise) zu Einschränkung anderer Grundrechte kommt. Doch unter keinen Umständen dürften die Einschränkungen zu Diskriminierungen führen. Naja, schön wärs. Doch der Bericht zeigt, – Achtung es kommt überraschend – dass gerade die Menschen die sowieso schon von struktureller Diskriminierung betroffen sind, auch stärkere Einschränkungen und Diskriminierungen durch die Maßnahmen befürchten mussten und auch tatsächlich erlebt haben. Konkret geht es um die Einschränkungen auf das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Bewegungsfreiheit und wie Menschen in Institutionen wie Pflegeheimen, Gefängnissen oder Geflüchtetenlagern besonders durch die fehlenden Möglichkeit zur Umsetzung der Maßnahmen gefährdet sind.
Aber nicht nur die Maßnahmen haben Menschen unterschiedlich betroffen, auch rassistische Äußerungen von Politiker:innen oder Menschen aus den offiziellen Gesundheitsstellen haben zu Diskriminierung beigetragen. Ich werde hier die rassistischen Aussagen nicht wiederholen, aber der Bericht nennt Fälle von einem tschechischen Mediziner und einem spanischen Parlamentsabgeordneten der rechten Partei VOX. Diese und andere bekanntere Äußerungen aus den USA haben die #Initative IamNotAVirus auf Deutsch: #ich bin kein Virus als Gegeninitative hervorgebracht. Doch, der Bericht sagt auch, dass leider die Betroffenen von rassitsicher Diskriminierung diese nur selten bei den offiziellen Behörden wie bspw. den Antidiskriminierungsstellen der Länder oder des Bundes melden . Daher hier nochmal der Hinweis alles zu melden, was passiert. Egal ob ihr selbst betroffen seid oder etwas beobachtet.
Dann nennt der Bericht eine Studie aus den Niederlanden von Mitte Februar, die zeigt, dass 50% der 300 Befragten rassistische Erfahrungen seit dem Ausbruch von Covid-19 gemacht haben. Auch in Tübingen haben chinesische Studierende in einer Umfrage berichtet, dass mehr als die Hälfte in den vergangenen Monaten einmal oder mehrmals diskriminiert wurden. Die meisten Fälle hätten diese Diskriminierungen eindeutig mit dem Virus zu tun. Der Bericht hierüber kam übrigens einen Monat nachdem Der Spiegel sein Februar-Cover mit „Corona-Virus. Made in China“ betitelte. Ich denke eindeutiger kann es gar nicht gezeigt werden, wie sehr Sprache Einfluss auf Denken und Handeln hat.
Insgesamt ist es ein umfassender Bericht, der erste Hinweise darauf gibt, wie die Maßnahmen die Menschen unterschiedlich treffen, aber auch Lücken aufweist. So habe ich bspw. nichts zur Situation von Lesben, Schwulen, Bi, trans* und inter* gelesen. Auf die Belastung von Frauen und Kindern sowie LSBTIQ gehe ich gleich aber später noch genauer ein. Worauf aber doch eingegangen wird, ist die Problematik, dass bspw. die Ungarische Regierung die Pandemie zur Rechtfertigung nimmt, um die Notstandssituation auf einen unbestimmten Zeitraum, eben „solange die Pandemie“ dauert ausweitet und damit die Begrenzung der Macht der aktuellen Regierung unterwandert werden könnte. Auch in Sierra Leone wird ähnliches befürchtet. Und damit der etwas holprige Überleitung zum Blick über Europa hinaus und Richtung afrikanischen Kontinent. Zum Beispiel meldete der Sender Al Jazeera, dass es dem senegalesischen Forschungsinstitut Pasteur, was glaube ich dem deutschen Robert Koch Institut entspricht, ein 1-Dollar Test-Kit entwickelt habe. Zusätlich haben Ingenieure mithilfe von 3D Druckern günstige Beatmungsgeräte zum Preis von 60 Dollar statt sonst 16.000 Dollar herstellen können.
Wenn ihr euch noch weiter zur Situation auf dem afrikanischen Kontinent informieren wollt, dann empfehle ich euch sehr den Podcast „Covid-19 in Africa“ von SoundAfrica. Dort habe ich in der dritten Folge den Cameruner Professor für Verschwörungstheorien Rogers gehört. Er berichtet unter anderem von der nicht ganz zu unterschätzenden Sorge einiger Schwarzer Menschen, dass an ihnen Impfstoffe erprobt werden könnten. Diese Sorge stammt leider nicht nur aus der kolonialen Erfahrung und dem Missbrauch Schwarzer Körper für medizinische Zwecke (hierauf gehe ich gleich genauer ein), sondern auch basierend auf einer aktuellen Debatte in den Sozialen Medien. Dort hatte der Fussballspieler Didier Drogbar dem Doktor Jean-Paul Mira Rassismus vorgeworfen, weil er Impfstofftests auch in Afrika (neben Europa und Australien) durchführen wolle, wo die Menschen Zitat „keine Masken, keine Behandlung und keine Wiederbelebungsgeräte“ hätten. Er verglich dieses Vorgehen dann mit Tests die man mit Prostituierten für AIDS-Impfstoffe durchführe, da diese auch größeren Ansteckungsrisiken und weniger Schutz ausgesetzt seien. Laut NBC hat sich aber Jean-Paul Mira für seine Äußerung mittlerweile entschuldigt. Dennoch mache ich hier eine kurz Pause, denn ich muss durchatmen.
[Pause]
Und jetzt komm ich nochmal zurück zu den historischen Erfahrungen Schwarzer Menschen, die für medizinische Tests missbraucht wurden. Denn wenn ihr jetzt denkt, dass sei ein Thema des französischen Kolonialismus, dann sei euch noch ein Interview des Hamburger Historikers Jürgen Zimmerer von diesem Monat empfohlen. Er berichtet über den deutschen Arzt Robert Koch und seine Tätigkeit in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika. Ich zitiere hier einen kleinen Ausschnitt: WELT: „Das Robert-Koch-Institut bezeichnet diese Reise als das „dunkelste Kapitel seiner Laufbahn“. Teilen Sie dieses Urteil?“ J.Z: „Erstens [sei] die Rolle von Medizinern und Medizin im Kolonialismus, d. h. ihre unterstützende Leistung im kolonialen Projekt, etwa in der Gesundheitsfürsorge für Siedler, Missionare, Kolonialbeamte und Militärs [aufzudröseln]. Zweitens die Bedeutung der Medizin, hier der Tropenmedizin, um die Arbeitskraft der kolonialen Untertanen zu erhalten und damit die Kolonien rentabel zu machen [aufzuarbeiten]. Drittens schließlich [muss] die Bereitwilligkeit, Medikamente, deren schwerste Nebenwirkungen bekannt waren, an Menschen zu testen [hinterfragt werden]. Tests, von denen Koch wohl genau wusste, dass er sie in Deutschland und an Deutschen nicht hätte durchführen können.“ Zitat Ende. Weiter im Interview berichtet Jürgen Zimmerer von der zwangsweisen Verabreichung von Medikamenten, die auch zur Erblindung führten. Das Interview schließt mit der Verbindung zu Rassismus ab, die Jürgen Zimmerer in folgendem Zitat beschreibt: „Rassismus ist eben kein widerspruchsfreies System, sondern eine Ideologie und eine mentale Disposition. Koch nutzte den Spielraum, den die Kolonialherrschaft eröffnete. Dass die Kolonialherrschaft die Afrikanerinnen und Afrikaner nicht schützte, darin lag auf jeden Fall Rassismus. Ob Koch es auch in Deutschland gemacht hätte – das große Ganze, die Entdeckung einer Therapie über das individuelle Leid zu stellen –, können wir nicht abschließend klären. In Deutschland durfte er nicht, in Ostafrika schon.“ Zitat Ende.
So, bleibt zu wünschen, dass dieser Artikel ein Beitrag zur Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus darstellt, der ja weniger Berücksichtigung in der Berichterstattung findet.
Außerdem kann ich nur hoffen, dass die vielen Erfahrungen die gerade Westafrika in der Behandlung mit AIDS und Ebola gemacht hat, jetzt schnell mit guten Schutzkonzepten die Menschen schützen kann. Was ein Indikator für Hoffnung ist, ist dass es insgesamt zur Zeit noch die geringsten Ansteckungsraten weltweit auf dem afrikanischen Kontinent gibt.
Und nun zum Abschluss die Rubrik der „skurrilsten Mittel, die gegen Covid-19 von Staatsoberhäuptern vorgeschlagen wurden“.
Platz 3. und bereits weit bekannt Donald Trumps Vorschlag Bleichmittel zu spritzen. Dies hatte leider die Auswirkung, dass zwei Menschen in Georgia tatsächlich Bleiche geschluckt haben. Aber auch eine andalusische Gemeinde meinte ihren Strand mit Bleiche behandeln zu können, damit die Kinder wieder draußen spielen könnten.
Platz 2. auch von Donald Trump: am 21. März schlug er die Einnahme von Hydrochloroquin vor. Eigentlich ein Mittel gegen Malaria. BBC Radio berichtete sehr früh über die Konsequenz, dass das Mittel für Malaria-Patient:innen jetzt rar geworden sei. Außerdem hatte ein Ehepaar aus Arizona das Mittel für Zierfische eingenommen woraufhin der Mann verstorben war.
Platz 1: Die Behandlung mit Duftwasser bis Kamelurin hat wohl die Iranische Regieruing vorgeschlagen. Aber auch in Indien wurde das Trinken von Kuh-Urin als Empfehlung von nationalistischen Parteimitgliedern ausgegeben.
So das war der erste Teil des Monatsrückblicks auf den April 2020.
Bleibt gespannt auf den zweiten Teil.
Und bleibt gesund!
Eure Mona.